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Deutsche
Physiker fanden im Curling den Ansatz zur Lösung des
Lawinenproblems. Das könnte eine bessere Vorwarnung ermöglichen
von
Rolf H. Latusseck
Die Kaffeedose ist
leer, und so geht der nächste morgend-liche Griff zu einem neuen
Paket gemahlenen, vakuumverpackten Kaffees. Hart wie ein Ziegelstein
ist das Päckchen, doch ein Schnitt mit der Schere lässt den Inhalt
butterweich werden. Beim Umfüllen in die Vorratsdose fließt das
Kaffeepulver sogar wie Wasser, es nimmt die Eigenschaft einer Flüssigkeit
an. Klar: Im Vakuumpaket presst der äußere Luftdruck die einzelnen
Pulverkörner zusammen, und beim Ausschütten gewinnt die
Schwerkraft schließlich die Oberhand und lässt das Pulver in die
Dose rieseln. Doch das sind nur oberflächliche Erklärungen. Kein
Physiker kann exakt sagen, wie hart ein beliebiges Pulver unter
Vakuumeinfluss wird, das heißt, wie fest die einzelnen Partikel
zusammenhalten. Oder unter welchem Neigungswinkel das Pulver aus der
Packung zu fließen beginnt.
Sanddünen, Schnee- und Schlammlawinen verhalten sich genauso wie
das Kaffeepulver, und hier bekommt das Problem eine lebenswichtige
praktische Bedeutung. Wann wird ein Schneehang zur Lawine oder der
Boden nach Regenfällen so instabil, dass er als Erdrutsch ein Dorf
unter sich begräbt? Die teuflischen Details, an denen eine Erklärung
immer noch scheitert, stecken in den Kräften, die jedes einzelne
Pulverkorn, Sandkorn und jeder Eiskristall auf seine Nachbarn ausübt.
Durch ihre rauen und unregelmäßigen Oberflächen halten sich die
Teilchen zunächst aneinander fest und bleiben in Ruhe. Geraten sie
aber ins Rutschen, dann beginnen sie zu rotieren und beeinflussen
sich in derart komplizierter Weise gegenseitig, dass eine Voraussage
über den exakten Verlauf und das Ergebnis des Rutschens unmöglich
wird.
Einen ersten Ansatz zur Lösung des vertrackten Problems hat jetzt
Dietrich Wolf von der Universität Duisburg gefunden. Den Anstoß
dazu gab eine alte Sportart. Beim Curling (oder Eisschießen) werden
schwere, als Stein bezeichnete Gewichte möglichst weit und präzise
übers Eis gestoßen. Während nun der Stein über das Eis gleitet,
dreht er sich gleichzeitig um seine eigene Achse; kommt er zur Ruhe,
dann enden Vorwärtsbewegung und Rotation gleichzeitig.
Das Geheimnis dieser Gleichzeitigkeit steckt in der untrennbaren
Verknüpfung von drei Komponenten: der Drehbewegung, der Vorwärtsbewegung
und der Reibung. Gleitet ein Curling-Stein mit hoher Geschwindigkeit
über das Eis und dreht sich dabei nur sehr langsam um sich selbst,
dann sollte man erwarten, dass seine Drehbewegung endet, während er
sich noch vorwärts bewegt. Umgekehrt sollte er auf der Stelle
kreisen, wenn er nur sehr langsam, aber mit hoher Rotation gestartet
ist. Doch hier irrt der "gesunde Menschenverstand". Bei
jedem Experiment enden Vorwärtsbewegung und Drehbewegung
gleichzeitig - unabhängig davon, wie schnell oder wie langsam jede
Bewegung anfänglich war. Denn zwischen beiden existiert eine Rückkoppelung:
Die Rotation verringert die Reibung der Vorwärtsbewegung, und die
Vorwärtsbewegung wiederum verringert die Reibung der Drehbewegung;
deshalb müssen beide Bewegungen gleichzeitig enden. Das heißt aber
auch: Solange der Stein sich dreht, kann er viel leichter gleiten
und umgekehrt. Ein weiterer Versuch bestätigt das. Wird ein Stein völlig
ohne Drehung über das Eis gestoßen, dann legt er eine kürzere
Strecke zurück als mit Eigendrehung.
Was beim Curling die Berührungsfläche zwischen Stein und Eis ist,
das ist beim Kaffeepulver der Kontakt eines Pulverkörnchens zu
seinen vier, sieben oder zwölf Nachbarkörnchen. Gerät das Teilchen
in Bewegung, dann wird es schlagartig für alle Nachbarn leichter,
sich ebenfalls zu bewegen. Der Prozess setzt sich lawinenartig fort
und erhält eine nicht mehr kontrollierbare Eigendynamik. Deshalb
genügt im Extremfall ein wenige Gramm schwerer Schneeball, um an
einem Hang tausende von Tonnen Schnee in Bewegung zu setzen. Ein
umstürzender Baum kann einen kompletten, regendurchnässten Berghang
in Abwärtsbewegung bringen. Die von Professor Wolf aufgeklärten
Rückkoppelungen zwischen den einzelnen Teilchen bieten jetzt
erstmals einen Ansatz zur theoretischen Beschreibung des
Lawinenproblems und damit die Möglichkeit einer verbesserten
Katastrophenvorhersage.
Welt am Sonntag, 22.06.03
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